Ich lächelte Ash ermutigend an, und konzentrierte mich dann ganz darauf, ihm mit seinem Aufsatz zu helfen. Dabei nutzte ich die Gelegenheit, ihm auch gleich zu zeigen, wie man strukturiert arbeiten konnte, um sich so schwierige Themen zu erarbeiten und das Ganze zu erleichtern. Währenddessen wippte ich die ganze Zeit mit den Füßen, bekam das selbst aber gar nicht richtig mit, wie meistens. Schließlich waren wir fertig, und mit einem Seufzen schloss ich das Buch. "So, geschafft", teilte ich Ash mit. "Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?"
"Ja, irgendetwas Positives lässt sich immer finden", meinte ich lächelnd zu Ash, seine Worte etwas missverstehend. "Und ich bin mir sicher, das Wissen, was du dir so angeeignet hast, wird dir auch in Zukunft helfen." Ich freute mich sehr darüber, wie gut es mit Ash lief. Alleine war er auch deutlich freundlicher und zugänglicher, als ich ihn je erlebt hatte, also war er, wie ich es vermutet hatte, in echt ganz anders als die Art, die er mit seinen Freunden zeigte. "Ich stehe jederzeit zum Helfen zur Verfügung", versicherte ich ihm und hoffte, dass er wirklich darauf zurückkommen würde. Es würde ihm sicher gut tun, etwas Zeit außerhalb des Gruppenzwangs zu verbringen, den die anderen Slytherins mit ihrer Art offenbar auf ihn ausübten. Wobei auch die sicher ganz anders sein konnten, wenn man ihnen die Chance dazu gab. Ich nickte und begann dann, mit ihm eine Gliederung für den Aufsatz zu entwerfen und das von mir mitgebrachte Buch dann Schritt für Schritt durchzugehen.
"Ich würde sagen, deine Mühe hat sich ausgezahlt", meinte ich lächelnd. Für einen Slytherin war Ash sehr bescheiden. Wobei ich da keine Vorurteile haben sollte, schalt ich mich selbst. Schließlich kannte ich niemanden von den Slytherins besonders gut, auch wenn ich es versucht hatte. Und der äußere Schein trog ja oft. "Man könnte auch sagen, trotz eines kleinen Fehlgriffs bist du mit der Lage bewundernswert zurecht gekommen", widersprach ich Ash, um ihn aufzubauen. Aber trotzdem war es verständlich, dass er erleichtert über das Buch war, das ich ihm zeigte. "Kein Problem, dafür sind Mitschüler doch da", erwiderte ich lächelnd. "Um einander zu unterstützen."
Ich überflog den Aufsatz, den Ash mir reichte. "Das klingt wirklich gut!", stellte ich fest. "Eigentlich ja sogar besser als meiner. Sicher, dass du meine Hilfe brauchst?" Ich half ihm natürlich gerne, aber vielleicht unterschätzte er auch einfach nur seine eigenen Fähigkeiten. Wobei ich da sicher auch helfen konnte. Aber dann erklärte Ash sich, und ich nickte. "Ah, verstehe. Keine Sorge, das kriegen wir hin." Ich zog das Buch heran, dass er auf den Tisch legte. Ich hatte es auch schon in der Bibliothek gesehen, aber beschlossen, dass es mir zu kompliziert formuliert war. "Das Buch klingt wirklich gut, ist für das, was wir brauchen, aber vermutlich zu fortschrittlich", stellte ich fest. "Das wird wohl eher im Studium oder so gebraucht." Ich holte das Buch hervor, mit dem ich bisher gearbeitet hatte. "Hier, schau dir das mal an, vielleicht ist das ja was."
Ich strahlte, als Ash mir Recht gab. Er schien wirklich einiges durchdacht zu haben, so anders, wie er im Vergleich zu sonst heute war. Und meine Worte schienen erneut etwas in ihm auszulösen, was mich in meinem Optimismus nur bestärkte. "Sehr gerne!", stimmte ich begeistert zu. Ich grinste. "Du bekommst einen Phoebe-Crashkurs in Optimismus." Am liebsten würde ich damit ja sofort anfangen, aber als Ash seinen Aufsatz hervorholte, erinnerte ich mich daran, dass erst einmal anderes anstand. Ich ließ Ash erst einmal über meinen Aufsatz lesen, und lächelte bei seinem Kompliment. "Dankeschön!" Ich streckte die Hand aus. "Möchtest du mir deinen zeigen?"
"Danke", strahlte ich erneut. Ash war deutlich netter, als er bisher gewirkt hatte! Vielleicht tat es ihm ja gut, mal nicht von seinem doch eher nicht so guten Umfeld umgeben zu sein. Wobei auch seine Freunde sicher anders sein konnten, wenn man ihnen die Chance dazu gab. "Natürlich, harte Arbeit gehört auch dazu", stimmte ich Ash zu. "Absolut. Es fühlt sich allerdings viel schöner an, wenn ich davon ausgehe, dass sich die Arbeit auch auszahlen wird. Alles andere wäre doch deprimierend. Und ich bin dann auch eher bereit, etwas Neues auszuprobieren, was mich vielleicht an unbekannte Orte bringt." Ich lächelte Ash an. "So wie du dich getraut hast, mich um Hilfe zu fragen. Das war doch auch etwas Neues." Und etwas, was ihn vermutlich doch Überwindung gekostet haben musste. "Dann machen wir das", stimmte ich Ash zu und kramte in meiner Tasche, bis ich meinen halb fertigen Aufsatz für Zauberkunst gefunden hatte. "Ich bin auch noch nicht ganz durch, also können wir ja vergleichen, was wir bisher haben, und dann zusammen weitermachen", schlug ich vor und breitete meinen Aufsatz so aus, dass Ash mitlesen konnte.
Ich strahlte bei Ashs Kompliment. "Danke! Ich gebe mir Mühe, auch wenn es mir nicht immer gelingt." Manchmal wurde alles einfach so viel, dass ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand. "Das klingt sehr gut", bestätigte ich ihm. Als Ash mir seine Lebenseinstellung schilderte, musterte ich ihn geschockt. "Aber was ist das Leben denn ohne Freude?", widersprach ich sofort. "Ja, es ist nicht schön, enttäuscht zu werden, aber davon sollte man sich doch nicht aufhalten lassen! Ohne einen gewissen Optimismus geht man schließlich auch keine Wagnisse ein, die einen weiterbringen können." Ash schien ähnlich motiviert zu sein wie ich, und schon wieder strahlte ich. "Ja, gerne! Für Astronomie müssen wir ja eine Sternenkarte zeichnen, das geht erst, wenn es dunkel ist. Aber bis dahin können wir ja Zauberkunst machen." Ich kramte meine Unterlagen hervor. "Wir sollen ja den Zauber Aguamenti üben und mögliche Verwendungszwecke für diesen notieren sowie Risiken bei falscher Ausführung. Wie gut kommst du denn schon mit dem Zauber zurecht?"
Ich nickte mitfühlend. "Ja, das stimmt, sie haben schon ganz schön angezogen." Gleich darauf war ich jedoch schon wieder im Anpack-Modus. "Also gut, dann schlage ich vor, dass ich einen Plan erstelle für Astronomie und Zauberkunst, was wir in den letzten Jahren gemacht haben und was wichtig werden könnte für die UTZ-Prüfungen." Da Ash die ZAG-Prüfungen bestanden hatte, ging ich davon aus, dass er zumindest über das Grundwissen verfügte und keine Hilfe mehr dabei brauchte, wie man zum Beispiel Sternkarten zeichnete. "Und du überlegst dir mal, was dir aktuell vor allem Schwierigkeiten bereitet oder wo du in den letzten Jahren froh warst, als wir mit dem Thema durch waren." Bei seinen Worten erwiderte ich Ashs Lächeln. "Ja, natürlich. Pessimistisch sein verbaut einem ja nur Möglichkeiten. Da gehe ich lieber vom Besten aus, und meistens bestätigen mir die Menschen das auch." Dafür war Ash gerade ja ein sehr gutes Beispiel. "Also, wie sieht es aus? Wollen wir uns noch gemeinsam an die Hausaufgaben setzen, oder reicht es dir, wenn wir uns... sagen wir, übermorgen mit unseren Plänen treffen?"
"Sehr gerne", sagte ich erneut, und lächelte dabei von einem Ohr zum anderen. "Brauchst du da auch Hilfe bei den Hausaufgaben? Da könnten wir uns jetzt gleich dransetzen. Oder geht es dir mehr um einen allgemeinen Überblick? Und möchtest du noch Stoff der letzten Jahre nacharbeiten?" Ich fand seine Formulierung etwas seltsam, es ging mir ja nicht darum, von ihm zu profitieren. Aber wenn er das Gefühl hatte, mir damit auch weiterzuhelfen, fiel es ihm ja vielleicht leichter, Hilfe von mir anzunehmen, also sagte ich ausnahmsweise einmal nichts dazu. "Ich bin mir sicher, das wirst du", ermutigte ich ihn stattdessen. "Allein, dass ich den Stoff mit jemandem besprechen kann, wird sicher schon sehr helfen."
Ash nahm sich den Stuhl neben mir. Er wirkte gerade so offen und freundlich, dass man kaum glauben würde, wie fies er manchmal sein konnte. Das gab mir Hoffnung, dass meine Vorträge doch gefruchtet hatten, und seine nächsten Worte schienen mir das zu bestätigen. "Oh, ja, sehr gerne!", stimmte ich sofort zu. "Kräuterkunde ist an sich mein bestes Fach, aber da bist du nicht mehr dabei, oder? Ich habe dich dieses Jahr jedenfalls noch nicht dort gesehen. Aber auch in Astronomie und Zauberkunst bin ich ziemlich gut, da kann ich dir ganz sicher auch helfen. Und bei den anderen Fächern kriegen wir das zusammen sicher auch hin, auch wenn wir vielleicht etwas knobeln müssen. Aber dann machen wir daraus eben ein gemeinsames Lernen, so lernt man ja am besten!" In meiner Begeisterung sprudelte das alles regelrecht aus mir heraus, und ich holte kaum Luft dabei.
Ich sah mit einem Lächeln auf, als ich angesprochen wurde, denn ich freute mich immer über Gesellschaft. Das Lächeln wandelte sich allerdings erst einmal zu einem überraschten Ausdruck, als ich sah, wer mich angesprochen hatte. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Ash Selwyn jemals den Kontakt zu mir gesucht hätte. Ich hatte es natürlich versucht, erst neulich wieder, als ich ihm meine Hilfe angeboten hatte, aber er hatte darauf nicht gerade nett reagiert. Und ich hatte ihm auch schon ein paar Mal einen Vortrag gehalten, weil er andere nicht nett behandelt hatte. Allerdings war ich niemanden, der jemandem eine zweite Chance verwehrte, und Ash lächelte mich wirklich nett an. "Hallo Ash", begrüßte ich ihn also mit einem breiten Lächeln, und nickte wild. "Ja, natürlich darfst du. Setz dich, du störst nicht."
Erster Post im neuen Schuljahr, Ende September 1995
Es war Wochenende, und endlich hatte ich einmal Zeit, Briefe an meine Familie zu schreiben. Es war so viel los gewesen in den ersten Wochen, dass ich dazu einfach nicht gekommen war. Weil im Gemeinschaftsraum gerade ziemlich viel Trubel herrschte, hatte ich mich in den Studienraum verzogen. Die Briefe hatte ich inzwischen schon geschrieben, jetzt verzierte ich sie noch mit kleinen Zeichnungen. Gerade saß ich an der Zeichnung eines Chinesischen Kaukohls für Holly. Diese faszinierende Pflanze nahmen wir aktuell in Kräuterkunde durch.
Ich musste lachen. "Keine Sorge, ich nehme ganz viel Rücksicht auf deine Autorität", versicherte ich meiner Vertrauenschülerin-Schwester grinsend. Als sie meinte, wir sollten unseren Geschwistern nicht schreiben, was geschehen war, nickte ich zustimmend. "Ja, da hast du Recht. Ist auch ziemlich doof, so etwas über Brief zu erfahren." Ich wüsste auch gar nicht, wie ich das formulieren sollte. "Dann bis später", verabschiedete ich mich von Sue und verschwand aus der Großen Halle, wobei ich erst einmal meinen Gemeinschaftsraum anstrebte, um mir etwas zum Schreiben zu holen.
"Du bist nur ein ganz kleines bisschen älter, da geht das schon in Ordnung", gab ich grinsend zurück und war froh darüber, Sue zumindest ein wenig zum Lächeln gebracht zu haben. Zumindest kurz. "Super!", meinte ich und klatschte enthusiastisch in die Hände. "Dann schreibe ich den beiden später gleich mal, dass sie ihre Hintern nach Hause bewegen sollen!" Ich ließ mich gerade selbst von meiner eigenen Begeisterung etwas mitreißen, was auch gut so war, denn so blies ich nicht mehr so dermaßen Trübsal. "Weißt du was?", meinte ich und sprang auf die Füße. "Am besten schreibe ich ihnen sofort, dann vergesse ich es nicht. Soll ich ihnen von dir noch etwas ausrichten?"
Sue fiel es offensichtlich schwer, zuzugeben, wie es ihr ging, und dafür drückte ich sie nur noch etwas fester an mich. "Das braucht eben Zeit", meinte ich. "Es ist okay, sich mies zu fühlen." Wobei ich da natürlich gut reden hatte, denn ich versuchte gerade auch, mich eben möglichst nicht mies zu fühlen und weiterhin so optimistisch aufzutreten wie immer. "Wir können ja den Sommer über was Schönes gemeinsam unternehmen", schlug ich ihr vor. "Und Holly und Rory kommen bestimmt auch in ihren Semesterferien zu Besuch, dann können wir mit der ganzen Familie einen Ausflug machen." Dann würde Sue sich auch bestimmt wieder besser fühlen.
Sue klang zwar taff, aber ich wusste, dass es ihr deutlich schlechter ging, als sie es sich anmerken ließ, und so legte ich bei ihren Worten nur meinen Arm um sie und drückte sie an mich. Gleich darauf machte sich Sue aber auch schon Sorgen um mich, was wirklich unnötig war. "Ach, das ist in Ordnung, ich wusste ja, dass du zu tun hast, du wurdest von anderen viel dringender gebraucht als von mir", versicherte ich ihr. "Ich bin zurecht gekommen." Irgendwie tat ich das ja immer, auch wenn es mir gerade deutlich schwerer als sonst viel, nicht total niedergeschlagen zu werden.
Als ich die Große Halle betrat, tränten meine Augen bereits von dem vielen Gähnen, und so brauchte ich einen Moment, bis ich wieder klar etwas erkennen konnte. Immerhin fand ich dann auch meine Schwester am Hufflepufftisch sitzend vor, und steuerte sie an. "Guten Morgen!", begrüßte ich sie und gähnte erneut. Ich ließ mich neben ihr auf die Bank fallen und griff erst einmal nach der Kanne mit dem Schwarzen Tee. Nachdem ich mir eine Tasse eingeschenkt hatte, wanderte mein Blick wieder zu Sue, und besorgt stellte ich fest, dass sie noch fertiger aussah, als ich heute morgen nach dem Aufstehen. "Wie geht es dir? Kann ich etwas für dich tun?", fragte ich also nach. Ich war zwar auch sehr traurig wegen Cedric, aber Sue war mit ihm im selben Jahrgang gewesen, die beiden hatten sich seit sechs Jahren gekannt und waren Freunde gewesen, und auch noch gemeinsam Vertrauensschüler.
"Das glaube ich dir", versicherte Phoebe Ean schnell. "Ich will ihn nur nicht verlieren, weil er mich nicht mag oder so." Wobei sie wirklich hoffte, dass er sie mochte. Sie wollte eigentlich von allen gemocht werden, auch wenn es sich um eine Ratte handelte. Sie wartete auf Ean und folgte ihm dann lächeln nach draußen.
"Dann gönnen wir ihm doch einen kleinen Ausflug", meinte Phoebe mit einem breiten Lächeln. Bei Eans Frage zögerte sie, gab ihm Samson dann aber doch lieber zurück. "Nicht, dass irgendetwas passiert und er dann wegrennt", erklärte sie sich. "Du kennst ihn da einfach besser." Sie hätte ihn schon gerne getragen, wollte aber nicht dafür verantwortlich sein, dass Eans Ratte die Flucht ergriff. Und sie kannte sich mit Ratten ja auch gar nicht aus. "Vergiss dein Buch nicht", wies sie ihn noch hin und wartete dann darauf, dass sie los konnten.